Ein Mann und sein Mützchen. Glenn Gould schätzte die Einsamkeit als Quelle der Inspiration. Es wäre jedoch
falsch, ihm das Klischee des weltfernen Träumers und Leidenden anzuhängen. Sein Interesse an der Welt, an
den Menschen und ihren Errungenschaften war enorm, auch wenn er viele Kontakte ausschließlich per Telefon
pflegte. Die Erfahrung, eine eigene Familie zu gründen, machte er nicht. Auch über eine längere und glückliche
Beziehung zu einer Frau ist nichts bekannt.
An Bankraub oder Schlittschuhfahren hatte er überhaupt kein Interesse.
Es gibt nicht so viele Menschen, die in ihrem Leben soviele Widersprüche aufgeworfen haben, wie der 1982 verstorbene Pianist Glenn Gould. Aber diese Widersprüche sind nicht alle unauflösbar, sondern Ausdruck eines hochanalytischen, vernetzt und kontrapunktisch denkenden Geistes und eines ziemlich kompromisslos geführten Lebens. Das Kontrapunktische muß eine ganz zentrale Rolle in Goulds Denken gehabt haben. In seinen musikalischen Präferenzen, in seinen Hörspielen, in seinen Texten, in seinen Handlungen.Das Widersprüchliche war für ihn mehr als nur eine exzentrische Masche. Gould hat mehr als einmal geäußert, daß er Mozart eigentlich nicht mag, hat sich aber gleichzeitig die nicht geringe Arbeit gemacht, alle seine Klaviersonaten einzuspielen. Jedoch auf recht kompromisslose Art: die Sonaten, die ihm nicht gefielen, hat er auch entsprechend niedergespielt.Andere, besonders Mozarts frühe Sonaten, hat er sehr wohl geschätzt und sehr liebevoll interpretiert. Ähnlich ging es ihm wohl mit Beethoven. Über dessen mittlere Schaffensphase äußerte er einmal, daß Beethoven zu jener Zeit mehr damit beschäftigt gewesen sei, Beethoven zu sein, als gute Musik zu komponieren. Und von der Hammerklaviersonate schrieb er, daß sie eines der unpianistischsten und undankbarsten Klavierstücke, gespickt mit mathematischen Albernheiten, überhaupt sei. Trotzdem war Beethoven in seiner ersten Lebenshälfte zentraler Bestandteil seines Repertoirs. Insbesondere die 5 Klavierkonzerte führte er wieder und wieder auf. Schon diese beiden Beispiele Mozart und Beethoven zeigen, daß Gould absolut unvoreingenommen und hellwach auch mit den "Heiligsten" der abendländischen Musikkultur umging.
"Die posierenden Triller und Arpeggios, sämtlich mit ihrem Gezwitscher überflüssig für die thematische Grundaussage.
All das hat dazu beigetragen, eine Konzerttradition aufzubauen, die einige der peinlichsten musikalischen Beispiele
für das menschliche Bedürfniss nach Zurschaustellung geliefert hat." Goulds Intelligenz kannte kein Erbarmen.
Hier mit Leonard Bernstein (links).
Berühmt geworden ist Glenn Gould mit Bachs Goldberg Variationen. Doch halt,zuerst wollen wir etwas ganz Zentrales wissen: wie gut hat Gould eigentlich wirklich Klavier gespielt? Die Frage beantwortet sich mit seinem Repertoir fast von selbst: wer Bachs Kunst der Fuge, Prokovjievs und Skrijabins Klaviersonaten etc. öffentlich bzw. im Studio spielt, muß sehr gut spielen können. Was es schwer macht, Goulds Können in einen Vergleich mit anderen Meistern zu stellen, ist die Art seiner Interpretation und seine Abscheu vor virtuosen Zirkusstückchen. Gould hat übrigens Klavierwettbewerbe vehement abgelehnt. Lisztsches Oktavengedonner lehnte er genauso ab wie Chopins "Süßlichkeit". Über seine Kollegen äußerte er sich zurückhaltend, wohl auch aus dem Grund, weil er sich eher selten Aufnahmen anderer Pianisten anhörte, um sich seine Interpretationsphantasie nicht zu "verderben". Interessant ist auch, daß Gould nie Klavier unterrichtete. Als Begründung gab er an, er habe Angst, daß es ihm ginge wie dem Tausendfüßler, der anfängt, über seine Gehtechnik nachzudenken und daraufhin nicht mehr laufen kann.
Gould sagte einmal, er spiele intuitiv und habe auch in der Studienzeit nie mehr als maximal 3 Stunden am
Tag geübt. Mehr sei Blödsinn. Auch Fingersätze notierte er sich nie, denn er war der Meinung, daß sich Selbige
mit dem Spielen des Stückes automatisch bilden.
Das trifft bei Goulds enormer Begabung zu. Für einen weniger Begabten, der eisern
jahrelang 9 Stunden am Tag übt, um dann doch nur als unbedeutender Klavierlehrer zu enden, eine niederschmetternde
Aussage.
geprägt:" Die Orgel hat einen entscheidenden Einfluß nicht allein auf meinen späteren Geschmack bei der Auswahl meines
Repertoires ausgeübt, sondern auch, glaube ich, auf den physiologischen Aspekt meines Klavierspiels. Es war eine
Ausbildung von unschätzbarem Wert....Als ich neun oder zehn war, habe ich vor allem Bach und Händel an der Orgel gespielt,
und ich verdanke es wirklich der Orgel, daß mein Interesse für diese Komponisten geweckt wurde, das sich dann einfach
aufs Klavier übertrug....Ich hatte gelernt, daß der einzige Weg, bei Bach eine Phrase , ein Thema oder irgendein Motiv
wiederzugeben, eben nicht der war, wie man es bei Chopin machen würde (der Versuch, wissen Sie, mitten in so einer
Phrase ein Crescendo unterzubringen), sondern es nur durch rhythmische Abstufungen und Atembögen gelingen konnte. Man
mußte ganz anders (an das Klavier) herangehen - so als ruhe wirklich die ganze Verantwortung in den Fingerspitzen, als
könne man fast den wunderbaren, pfeifenden Atem einer alten Orgel einfangen. Daraus ergibt sich, daß der Ausdruck so gut
wie nie durch Legato-Bindungen und Überlappungen erzielt wurde, ganz zu schweigen von den Pedaleffekten, mit denen Bach
so oft am Klavier gespielt wird..." Goulds phänomenales Bachspiel gibt ihm recht. Überhaupt ging Gould
äußerst sparsam mit dem Haltepedal um. Er konnte sich es leisten, auf das "Mainstream-Gaspedal" weitestgehend zu
verzichten, da er Dank seiner erstaunlichen Anschlagskunst trotzdem ein vollen Klang aus dem Flügel herausholen konnte
(was Elie Ney nicht immer so recht gelang, oft hört man ihrem Spiel die Askese an- bei Gould nie). "Am Klavier benutze
ich fast nie das Fortepedal, und als ehemaliger Organist tendiere ich dazu, jede Musik von ihrer Basslinie her zu
erschließen. Wenn diese (wie bei zahlreichen Werken des 19.Jahrhunderts) nicht so solide ist, wie ich es mir wünschte,
kann es vorkommen, daß ich sie entsprechend verändere: Verzögerungen, Überbindungen - jedes Hilfsmittel ist mir recht,
um ihr Stabilität zu verleihen." Eine Herangehens- und Sichtweise, die wohl von keinem anderen Pianisten so kompromisslos
angegangen wurde. Auch Goulds dezenter Seitenhieb auf die Musik des 19.Jahrhunderts ist typisch für ihn. Dazu später mehr.
"Nur weil ich schon in so jungen Jahren mit dem Orgelspiel begonnen habe, ist mein musikalisches Denken heute noch so,
als würde ein Werk mit drei "Händen" gespielt (wobei die Füße den Part der dritten "Hand" vertreten). Musik zerfällt
für mich daher in mehr kontrapunktische Schichten als für die meisten anderen Pianisten." Gould dürfte ziemlich genau
gewußt haben, wo seine Stärken und wo seine Schwächen lagen. Wobei diese Schwächen eher im menschlichen Bereich lagen .
Als Pianist hatte er keine Schwächen. Nur Abneigungen gegen bestimmte Stile oder Komponisten. Zum Beispiel gegen Chopin
und Liszt, zwei der intimsten Klavierkenner aller Zeiten.
Im Grunde war Gould
durch und durch Komponist. Er näherte sich den Stücken so, als habe er sie selbst komponiert, nicht selten nahm er
auch selber kompositorische Änderungen vor. Alles, was er schuf, seine Texte, seine Hörspiele, seine
Fernsehsendungen - alles waren hervorragende Kompositionen.
Auf dem Bild Goulds klassisches Winter- wie Sommeroutfit: Wollhandschuhe, Mütze und dickes Mäntelchen. Gould
meinte dazu, daß dies keine Marotte von ihm sei, sondern daß er von panischer Angst gequält werde, sich zu
erkälten.
Vladimir Horowitz (rechts) mit S.Rachmaninov (links) und Willi dem echten Naturtrüben (mitte).
Hier entsteht die interssante Frage, was Gould von Vladimir Horowitz, dem Klaviervirtuosen par excellence, hielt. Kurz gesagt: nichts. Und genauer gesagt: er hatte geradezu eine persönliche Aversion gegen ihn. In mehreren Aufsätzen zog er über Horowitz her und taufte dessen Comeback nach einer schweren Nervenkrise von "Historical Return" in "Hysterical Return" um. Nun, auch große Musiker sind nur Menschen und haben oft besonders deftige Methoden, um ihrem Unmut über irgendetwas freien Lauf zu lassen. Auch in den obersten Etagen gibt es Neid, Boshaftigkeiten und Mißgunst. Aber warum erboste sich Gould ausgerechnet über Horowitz so derartig? Warum überging er ihn nicht wie die meisten anderen seiner Kollegen mit vornehmen Schweigen? Letztlich kann man nur mutmaßen, aber es gibt ein paar Ansatzpunkte. Da war natürlich Horowitz´ Freude am schier grenzenlos Virtuosen. Für seine Liszt-, Skrijabin- und Tschaikowsky-Einspielungen gibt es wohl nichts Vergleichbares. Aber es ist kein hohler, nur blendender Glanz, sondern die optimale Antwort auf die Erfordernisse, die diese Stücke stellen. Viele Liszt-Stücke verlangen nun einmal diese geradezu kindliche Freude am Virtuosen, erfordern dieses Lebensgefühl, das sich an gewaltigen Klangkaskaden ergötzt. Dies ist in keinster Weise abfällig gemeint. "Die wilde Jagd" läßt sich nuneinmal nicht mit stiller Versenkung in kontrapunktische Verästelungen überzeugend darbieten. Gould reagierte geradezu kindlich auf das Horowitzsche Doppeloktaveninferno. "Das kann ich auch!", soll er einmal trotzig gesagt und den nächststehenden Flügel im Studio mit Doppeloktaven traktiert haben. Eine andere Geschichte behauptet, daß Gould einmal zufällig im Studio Zeuge wurde (beide waren beim selben Plattenlabel unter Vertrag), wie Horowitz die Tontechniker in den Wahnsinn trieb, weil er bei jedem "Take" irgendwelche Schnitzer spielte. Gould machte den süffisanten Vorschlag, die Stücke soundso zu schneiden und die Stellen, die Horowitz wohl nicht spielen könne, persönlich hinzuzufügen. Und in diesem Punkt zeigt sich ein wichtiger Unterschied zwischen den Beiden: während Horowitz falsche Töne zugunsten einer direkten, "ungezügelten" Interpretation in Kauf nahm, bastelte Gould oft endlos im Studio an einer für ihn perfekten Interpretation herum. Für ihn war es völlig normal, mehrere Einspielungen desselben Stückes zu machen und dann solange die Bänder zusammenzuschnipseln, bis er zufrieden war. Nicht weil er sich dauernd verspielte (laut Zeugen gab es wenig Pianisten, die so fehlerlos spielten wie er), sondern weil er auch das kleinste Detail perfekt ausleuchten wollte. Gould, der "Technikfreak", Horowitz der Draufgänger. Nun ist es aber nicht so, daß sich Horowitz nur den Virtuosenstücken zuwandt. Auch was er aus "kleinen" Kompositionen von z.B. Scarlatti machte, ist einmalig in seiner Tiefe und Entrücktheit. Vielleicht war es das, was Gould mit einer Angst vor ernsthafter Konkurrenz erfüllte. Jedenfalls beendete er seine Scarlatti-Einspielungen, als er erfuhr, daß Horowitz sich derselben annahm. Wie gesagt, ganz klären lassen wird sich Goulds Animosität gegen Horowitz wohl nie, besonders unter Berücksichtigung des folgenden Punktes:
"Treffen sich zwei Kannibalen. Sagt der eine:"Ich hab letztens einen Clown gegessen." Fragt der andere:
"Und, wie hat er geschmeckt?" Obwohl Gould sich relativ geringschätzig über Chopin äußerte, war es ausgerechnet Artur Rubinstein, dem nicht nur die seltene Ehre widerfuhr, von Gould beachtet zu werden, sondern sogar von selbigem "interviewt" zu werden (es war eher eine Diskussion, speziell über das öffentliche Konzertieren und die Arbeit im Studio, als denn ein Interview) und Gegenstand einer hochamüsanten Kurzgeschichte aus Goulds begnadeter Feder zu sein ("Erinnerungen an Maude Harbour oder Variationen über ein Thema von Artur Rubinstein". Dieses "Thema" sind natürlich Rubinsteins endlose Frauengeschichten, die dieser Grandseigneur genußvoll in seinen beiden sehr lesenswerten Selbstbiographien schildert.) Diese Sympathie Goulds ist umso geheimnissvoller, als daß diese beiden Pianisten von ihrer Spielweise, ihren Lieblingsstücken und - Komponisten, von ihrer Lebensweise her unterschiedlicher kaum hätten sein können. Das Einzige, was beide offensichtlich gemeinsam hatten, war eine enorme Begabung für die Musik und das Klavierspielen im Besonderen.. Beide waren "beschenkte" Virtuosen ,denen der Begriff "technische Schwierigkeiten" eigentlich nichts sagte. Und beide gingen relativ seriös mit ihrer Virtuosität um. Wenn sie etwas Virtuoses spielten, klang es nicht schwer. So einfach ist das.
Wolfgang Schüler. Dezember 2003
Quellen: Alle Zitate entstammen den beiden sehr lesenswerten Büchern: Michael Stegemann "Glenn Gould" Leben und Werk. Briefe Zweitausendundeins Verlag, Frankfurt am Main 2003 ISBN 3861506009, und "Glenn Gould: Von Bach bis Boulez& Vom Konzertsaal zum Tonstudio" Herausgegeben von Tim Page und übersetzt von Hans-Joachim Metzger, Zweitausendundeins Verlag, Frankfurt am Main 2003 ISBN 3-86150-499-5
Ebenfalls
sehr lohnend, ja Pflichtlektüre: "Kevin Bazzana: Glenn Gould oder
Die Kunst Der Interpretatition" und "Kevin Bazzana: Glenn Gould - Die
Biographie". Speziell ersteres Buch gibt Einblicke in Goulds
Musikverständniss, die selbst bei M. Stegemann so nicht auftauchen.
Oder wußten Sie, daß Gould schriftlich und spielenderweise in
Kompositionen Bachs, Händels, Mozarts und anderer eingegriffen
hat? Und wie er das gemacht hat? Und warum?
Also: besorgen, lesen und staunen oder nachdenken oder was auch immer....